Vision

van dat hellije Kölle

1985, wohl nach paar Kölsch
Anno Domini 2011 lud der Kölner Erzbischof das gesamte Volk Gottes der Erzdiözese zu einer außerordentlichen Versammlung in den Hohen Dom zu Köln ein. Alle kamen und füllten die Schiffe und Seitenschifffe. (Sie paßten aber auch alle rein.)

Der Bischof erläuterte den Anlaß der Versammlung: Die imner noch fortdauernde Hochrüstung, besonders die Aufrüstung mit Massenvernichtungswaffen, diese "unselige Geißel der Menschheit" und "Ausdruck unserer Sünde", die "wir als erdrückende Last aus dem 2. Jahrtausend mitschleppen".
Er fuhr fort: "Vor einer Woche haben wir, die am Grab des hl. Bonifatius versammelten Bischöfe in der Frühjahrskonferenz beschlossen, dem Volk Gottes nicht mehr hinterherzuhinken, ihm auch nicht mehr nur vorzubeten, sondern ihm voranzuglehen." (Beifall)
"Schon längst ist zur Spannung zwischen dem "schon" und dem "noch nicht" das "nicht mehr" hinzugekommen. Es geht nicht mehr! Es kann nicht mehr weitergehen mit dem Abschreckungssystem und der Hochrüstungspirale und der Ausbeutung der Armen und der Schöpfung Gottes.
So hat die am Grab des hl. Bonifatius versammelte Frühjahrskonferenz der Bischöfe auf Anregung des Erzbischofs von Fulda ihrem Abschluß-Dokument das Wort Reinhold Schneiders vorangestellt: "Unter dem Schild der Atombombe ist nicht der Ort der Kirche!" (Beifall und Pfiffe)
Wir, die Brüder im Bischofsamt der Kölner Erzdiözese haben beschlossen, ein konkretes Zeichen zu setzen. Aus der Einsicht, daß wir selbst aus dem wehrdienstfähigen Alter heraus sind und vom Staat gewiß nicht als Kriegsdienstverweigerer anerkannt werden, wollen wir den Rüstungssteuer-Anteil verweigern. Wir setzen damit den Grundstein für einen Fonds zur Finanzierung eines eigenständigen Friedensdienstes im In- und Ausland.
Euch, Schwestern und Brüder, ermuntern wir , Gleiches zu tun. Wir ermuntern zu Bekenntnis und Streit, so wie wir, die am Grab des hl. Bonifatius versammelten Bischöfe "einander ins Angesicht widerstanden" haben, nachdem wir über die Apostel Petrus und Paulus des Galaterbriefes, Kapitel 2 meditiert hatten."
Nach einer Pause atemloser Stille wogten Bekenntnis und Streit in der im Hohen Dom versammelten Christenheit von Köln, nur unterbrochen von Gebeten, in denen die heiligen Pazifisten und Friedenskämpfer - so zum Beispiel Franz Jägerstätter, Paulus Metzger, Michael Lerpscher, Reinhold Schneider... - um Erleuchtung angerufen wurden, und einem Tee um Mitternacht, den die Domvikarinnen und -Vikare reichten.
"Schön und gut die neue Frömmigkeit, aber immer nur Tee..." knurrte Domkapitular Tünnes, schlich sich in die Sakristei und genehmigte sich sein Kölsch, woraufhin die Bank der Domkapitulare sich zwischenzeitlich auffällig leerte.
Die drei Weisen in ihrem güldenen Schrein, die nie und nimmer mit so viel Kirchenweisheit gerechnet hatten und sich schon auf einen immerwährenden Kirchenschlaf eingerichtet hatten, hielt es nicht mehr länger in ihrem Grab. Sie entstiegen dem Schrein und mischten sich ein, wobei ihre Erfahrungen als "internationale Gruppe gemeinsam unterwegs" allgemeine Beachtung fanden.
Als es Morgen wurde und die ersten Strahlen durch die Kirchenfenster drangen, dachten die Drei, es sei der Stern von Bethlehem. Es war die Sonne, die freundlich auf Köln herniederschien, das fortan wieder "dat hellije Kölle" - das heilige Köln - genannt wurde.
1985 / NH